Juni Anlass 2026
Von der Urkraft des Steins zur urbanen Intervention
ReferentIN: Künstlerin Melanie Sterba
«Von der Urkraft des Steins zur urbanen Intervention» - diese Schlagzeile hat nichts mit einer 1. Mai-Demo und den dabei verwendeten Wurfgeschossen zu tun, sondern ist der Titel des Juni-Referats am Stauffacher.
Der Anblick einer Frau, welche in einer Art traditioneller Handwerkskluft in verschiedenen Brauntönen erscheint, dürfte für die meisten Zünfter ungewohnt sein.
Für die Künstlerin Melanie Sterba ist diese auffällige Kleidung jedoch Alltag, sie ist Steinbildhauerin und trägt diese Kluft wie ein Markenzeichen.
Bereits mit 14 Jahren wusste unser Gast, dass sie steinbildhauen will. Früh zeigte sich ihr Interesse an gestalterischen und zeichnerischen Prozessen, was sie schliesslich zur Bildhauerei führte.
Trotz Ausnahmetalent musste die junge Frau einen ersten «harten Brocken» überzeugen – ihren Lehrmeister.
Dies gelang, und so konnte sie sich während der vierjährigen Ausbildung auf die figürliche Bildhauerei spezialisieren.
Bereits in dieser Zeit entstand in Zusammenarbeit mit ihrem Lehrmeister eine lebensgrosse Skulptur aus Carrara-Marmor – eine Arbeit, die exemplarisch für ihren hohen Anspruch an Präzision und Ausdruck steht.
Die intensive Auseinandersetzung mit Anatomie, Faltenwurf und Oberflächenbearbeitung prägte ihr Verständnis für skulpturale Prozesse nachhaltig. Die Arbeit am Stein erforderte dabei nicht nur gestalterisches Feingefühl, sondern auch Geduld und ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Eigenschaften des Materials.
Diese frühe Phase bildet das handwerkliche Fundament ihrer heutigen künstlerischen Praxis, in der sie traditionelle Techniken bewusst weiterentwickelt und in einen aktuellen Kontext überführt. Heute, noch nicht einmal 20 Jahre später, ist sie eine zeitgenössische Kunstschaffende mit einer eigenständigen künstlerischen Position und sie zählt zu den profilierten Stimmen der zeitgenössischen Bildhauerei.
Als klassische Steinbildhauerin ausgebildet, verbindet sie traditionelle Handwerkskunst mit einer gegenwärtigen Formensprache.
Die Schaffenskraft der jungen Frau reicht von monumentalen Arbeiten in Granit über fein ausgeführte Marmorskulpturen bis hin zu experimentellen Kleinplastiken aus Metall und zur partizipativen Intervention im öffentlichen Raum.
Und hier kommt der zweite Teil des Titels zum Tragen: Mit ihrem Street-Art-Projekt „Take Away Art“ hinterfragt die Künstlerin gängige Konventionen der Kunstwelt.
Die aus recyceltem Geschirrzinn gefertigten Kleinskulpturen werden an frei zugänglichen Orten platziert und sind zur Mitnahme oder zum Umplatzieren bestimmt. Um diese, wenige Zentimeter grossen, Menschengestalten zu formen, entwickelte sie eine eigene Modelliertechnik, die es ihr ermöglicht, den Moment eines entstehenden Gedankens unmittelbar und ungefiltert festzuhalten.
Im Spannungsfeld von Massstab, Materialität und Umgebung entstehen Skulpturen, die «Bedeutung» nicht erklären, sondern erfahrbar machen.
Die Street-Art-Figuren dienen dabei als Ausgangspunkt für Vergrösserungen, die mithilfe digitaler Verfahren wie 3D-Scan und 3D-Druck in unterschiedliche Massstäbe übertragen werden, ohne die Unmittelbarkeit des Ursprungsmoments zu verlieren. Während technisch erzeugte Grossskulpturen die spontane Geste direkt bewahren, kann die Schafferin durch klassisch bildhauerisches Vorgehen mit Hammer und Meissel bei ihren Marmorskulpturen die Interpretation der Vergrösserung in den Vordergrund rücken.
Melanie Sterba ist zunehmend in der Schweiz, aber auch international in Ausstellungen präsent, nicht zuletzt durch Galeriepräsentationen und ihre «Interventionen» im öffentlichen Raum.
Seit 2022 werden ihre Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen u.a. in Zürich, St. Moritz und Mailand gezeigt. Und seit dem Sommer 2023 sind als „Take Away Art“ weltweit über 16'000 Skulpturen von ihr verteilt! Im wahrsten Sinne des Wortes einen Milestone setzte die Künstlerin auch aus einem im Tessin aus dem Berg gesprengten, später im Freien vor ihrem Atelier bearbeiteten Steinblock.
Er widerspiegelt «den Sieg des menschlichen Willens über die Materie», was bedeutet, dass der Felsblock aus Gneis – einem Material härter als Granit – selbst von zarten Menschen beliebig verformt werden kann. Nicht schwere Kost, aber schwere Kunst!
Und wie transportiert man dieses 22 Tonnen schwere und vier Meter hohe Werk, welches an allen Seiten in monatelanger Handarbeit veredelt wurde? Ganz einfach: Ganz vorsichtig! Gut verpackt, wurde das Kunstwerk mit einem Mobilkran auf einen Tieflader verladen und stehend an den Zielort transportiert.
Dafür mussten diverse Strassen gesperrt, öffentliche Verkehrsmittel umgeleitet sowie Behörden und Anwohner informiert werden. Also wieder Street-Art im öffentlichen Raum! Ihre Freizeit verbringt sie mit Zeichnen sowie dem Sammeln von antiken Möbeln und Tierschädeln. Letztere findet sie in Nordafrika, welches sie häufig mit dem Geländewagen bereist.
Damit verbunden ist auch die Leidenschaft zu alten Land Rovern. Nicht in Stein gemeisselt ist, dass eine harte junge Frau bei den Zünftern zum Stauffacher weiche Zinnfiguren als „Take Away Art“ verteilt.
So oder so freuen wir uns einmal mehr auf eine Referentin, welche mit Fug ’und Recht nicht als 08.15 betitelt werden kann! Seien wir gespannt auf das Zusammenspiel von weiblichem, künstlerischem Feingefühl und tonnenschwerer Materie…!