März Anlass 2026
Von der harten Nuss zur nachhaltigen Lösung
Referent: Stefan Gerber
Der Schweizer Pro-Kopf-Verbrauch von Haselnüssen ist, auch im internationalen Vergleich, erstaunlich hoch: Jährlich werden um die 10’000 Tonnen importiert. Obwohl eine einheimische Kulturpflanze, werden im Inland bisher kaum Haselnüsse kommerziell angebaut. Und da kommt Stefan Gerber ins Spiel. Auf dem elterlichen Bauernhof im Mettmenstetter Weiler Dachlissen aufgewachsen, hat er sich schon jung mit Nüssen beschäftigt und sich Wissen um die Haselnuss angeeignet. Er ist 2012 im wahrsten Sinne des Wortes in die Baumschule gegangen.

Aber bereits vorher ging’s richtig zur Sache! Die 1’600 Bäume, welche unser Gast im März 2021 innerhalb von nur drei Tagen gepflanzt hat, waren ursprünglich für Georgien bestimmt. Als dieser Transit – Corona sei Dank – nicht zustande kam, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf – oder besser an den Wurzeln. Dass seine Pflanzen perfekt ausgerichtet sind, ist dem Einsatz eines GPS-Traktors zu verdanken. Die Logenplätze in der ersten Reihe der Kultur gehen hingegen an Kastanienbäume, an denen später eine Bewässerungsanlage fixiert werden soll.
«Über die Kulturführung von veredelten Haselnussbäumen ist noch wenig bekannt», erklärt unser März-Gast. «Im Gegensatz zum traditionellen Busch-Anbausystem dürfte eine maschinelle Bewirtschaftung längerfristig einfacher zu bewerkstelligen sein. Wie bei anderen Kulturen müssen in den ersten Jahren die Baumscheiben freigehalten werden, damit die Bäume kaum Konkurrenz erhalten. Auch Mäuse und Rehe verursachen an den Jungbäumen Schäden.» Ausgewachsen erreichen Haselnussbäume eine Höhe von drei bis fünf Metern und können dann etwas mehr ertragen.
Welche Erträge können erwartet werden? «Schwierig zu sagen, weil dieses Gebiet noch zu wenig erforscht ist», meint der Haselnuss-Farmer. Denn frühestens zehn Jahre nach der Pflanzung kann ein Vollertrag erwartet werden, und auch dann sind Prognosen schwierig. «Die Hoffnung liegt auf einer bis drei Tonnen pro Hektare». Fragen der Wirtschaftlichkeit klammert Stefan Gerber deshalb (noch) aus, spricht von einem interessanten Pilotprojekt und bewirtschaftet den Familienbetrieb im Nebenerwerb. Ein richtiger Pioniergeist eben. Weil es bis zu einer guten Ernte lange dauert und noch kaum Erfahrungen bezüglich Wirtschaftlichkeit und Kulturführung bestehen, lassen andere Schweizer Bauern die Finger davon.
Und weil es eben für den Haselnussanbau im Schweizer Klima noch sehr wenig Sortenwissen gibt, wurde bei Gerber auch eine Sorten-Testanlage gepflanzt. Darin befinden sich mittlerweile 72 verschiedene Haselnussarten. Das Ziel ist dabei, geeignete Bestäubungspaare zu finden, die ertragreichsten Sorten für’s lokale Klima auszumachen und widerstandsfähige Sorten zu identifizieren.
Eine Haselnussanlage ist jedoch weit mehr als nur ein Produktionsort – sie ist ein lebendiges Ökosystem. Im Vergleich zu zwei anderen Obst- und Beerenbetrieben in der Region schnitt die neue Haselnussplantage bei Wildbienen am besten ab. Daneben wurden ganze 49 Vogelarten in und um die Anlage beobachtet. Die installierten Nistkästen waren bereits im ersten Jahr vollständig ausgebucht. Zudem blieb die unbeliebte Mäusepopulation dank natürlichen Feinden auf tiefem Niveau – ein Beweis dafür, dass natürlicher Pflanzenschutz funktioniert!
Die Basis für eine neue, resiliente Baumkultur in der Schweiz ist damit wohl gelegt. Die ersten Schweizer Haselnüsse konnten bereits geerntet sowie über ein Crowd-Projekt vermarktet werden und auch in Zukunft könnte der Ausbau der Haselnussproduktion ein nachhaltiger Beitrag zu einer klimafreundlichen und biodiversitätsfördernden Schweizer Lebensmittelversorgung geben. Die Erkenntnisse aus dem Pionierprojekt von Stefan bieten die ideale Grundlage dafür.
Freuen wir uns darauf, mehr über dieses Pionierprojekt zu erfahren – wie immer bei den Zünftern zum Stauffacher direkt von den Pionieren selbst. Und vielleicht hilft ihnen das auch, künftig nicht mehr die Schoggi der Nussschokoladen ablecken zu müssen, um zu guten Haselnüssen zu kommen…!